33 Jahre Punkrock – das feierte MISSBRAUCH aus München am 25. Oktober mit dem Release von „King Ego“ und einer fetten Party im Sunny Red. Das Album enthält 13 Songs und wurde in digitaler Form veröffentlicht – zum kostenlosen Download!

Wer die „Schlachtrufe BRD“ oder „Taugenix“ Sampler zuhause stehen hat, vielleicht sogar bei den gleichnamigen Touren am Start war, kennt die Band. Ich habe auch einige Auftritte erlebt, an manche davon habe ich Erinnerungen, von anderen Gigs wenigstens den Flyer. 😉
Es ist mir daher eine Freude, die Jungs von Missbrauch vorstellen zu dürfen! Eine Band, die einen Durchlaufkühler im Proberaum hat. Ich frage mich grade, warum wir eigentlich immer schriftliche Interviews machen!? 😉 Wie dem auch sei: In diesem Proberaum mit Zapfanlage sitzen also Marc, Barny und Stichi mit kühlem Bier über meinen Fragen. Zunächst drängte mich vor allem die Frage nach…
Dem Bandnamen!?
„Na ja, der sollte halt provozieren“, erinnert sich Barny. Und zwar vor allem diejenigen, die sehr schnell dabei sind, dich in eine bestimmte Schublade zu stecken. Dass „Missbrauch“ aber eben ein sehr vielschichtiges Phänomen ist, wird häufig nicht erkannt. Mir als Texter ist Sprache besonders wichtig und deshalb ein paar Worte zu diesem Thema:
Missbrauch gibt es in vielen Ausartungen, in vielen Aspekten:
Den Machtmissbrauch all der Autokraten, die ihre Staaten mit Repressionen überziehen und Menschen als Kanonenfutter in Kriege befehligen. Den Vertrauensmissbrauch, seitens der Politik, Bekannten, Freunden. Informationsmissbrauch in der Form von Fake News, Propaganda und Lügen. Auch der Missbrauch von Menschen im Sinne von Vergewaltigung, sexuellen Übergriffen, Sexismus ist Teil dieses Komplexes. In diesem, letzten Kontext trifft der Begriff wohl die eigentliche Sache leider am wenigsten auf den Punkt. Das ist sexualisierte Gewalt und nichts anderes! Das sollten wir beim Namen nennen!
Uns geht es auch um die Provokation als Aufforderung, die Dinge immer von (mindestens) zwei Seiten zu betrachten. Die Aufforderung zum unangenehmen aber bitter nötigen Diskurs. Sprecht mit uns. Sprecht miteinander. Auch über unseren Bandnamen. Das öffnet Themen, klärt, entlarvt.
Als Band MISSBRAUCH lehnen wie jede Form von Missbrauch, sexualisierter Gewalt und Diskriminierung ab. Dem versuchen wir – auch in unseren Texten – nach wie vor gerecht zu werden.
Entstehung und Bandmitglieder
Barny: Tja, wie war das eigentlich? Stichi hatte damals schon in ein paar Bands gespielt – und ich war als Gast öfter mal bei den Proben dabei. Das war aber kein klassischer Punk, eher so metal-mäßig. Und dann haben wir beide eben beschlossen, was Eigenes auf die Beine zu stellen. Er am Schlagzeug und ich Gesang. Als ersten Basser hat Stichi dann seinen Brauer-Kollegen klargemacht. Und einen Gitarristen haben wir über eine Zeitungsanzeige gesucht – und auch gefunden, kein Witz! In dieser Besetzung haben wir dann unser erstes Konzert im Februar ’93 gespielt.
Stichi: Ich sitze, wie Barny schon erzählt hat, von Anfang an am Schlagzeug. Mit der Zeit habe ich auch die komplette Organisation rund um die Band übernommen.
Barny: Ja, und ich bin immer noch der Sänger und spiele seit ein paar Jahren bei einigen Songs auch Harp. Von der heutigen Besetzung sind auch alle anderen schon gefühlte Ewigkeiten mit dabei:
Oli am Bass kam glaube ich ’94 zu uns, Marc und David an den Gitarren ein, zwei Jahre später. Und Djtschke am Saxophon und mit seinem „wunderschönen“ Shouting ist auch schon vor etwa 20 Jahren dazugestoßen. Also allesamt keine Frischlinge mehr… 😉
Marc: … und das fühlt sich nach so vielen Jahren auch nicht mehr an wie „irgendwann dazugestoßen“. An dieser Besetzung wird sich auch nichts mehr ändern, bis der erste von uns umfällt. Das wird aber hoffentlich noch ein paar Jährchen dauern.

aus dem Tourleben
Lieselotte: Ihr seid ja eine Menge Leute, was Touren und die Planung bestimmt nicht einfach macht. Was war die härteste Anreise zu einer Show? Stichi: Als längste Anreise kann man sicherlich unsere beiden Konzerte in Athen und auf Kreta bezeichnen. Barny: Reisezeittechnisch konkurriert das aber hart mit dem Force Attack 2012! Ungefähr 10 Stunden zu sechst im T3 von München an die Ostsee sind auch kein Zuckerschlecken… Aber Griechenland war freilich schon was Besonderes. Stichi: Ja, das war noch vor Corona. Wir haben die Bandkasse geplündert und uns Flüge geleistet. Wir sind länger an den Flughäfen rumgehangen als in den Städten. Aber wer kann schon behaupten, mit „Peter and the Testtube Babies“ in Athen gespielt zu haben!? Ich hab ihm das letzte Bier von der Bühne geklaut. He was not amused… 😉
Lilo: Gabs auch mal so einen richtig räudigen Gig? Stichi: Natürlich gibt es keine Erinnerungen an miese Gigs! Hatte ja Gründe, warum diese Konzerte nicht gut waren. HAHAHA 😉Aber wir hatten durchaus auch unsere klaren Momente! Und da gehörten die Konzerte mit Szenegrößen immer zu den Highlights: Slime, Plasma, The Exploited, Normahl – da waren schon paar Kracher dabei. Marc: Einen miesen Auftritt habe ich aber trotzdem noch im Hinterkopf… Siedlerhof!!! Meine Fresse, war das scheiße!!! Hatte aber auch einen gewissen Lerneffekt für uns alle. Lilo: Was war denn da?! Barny: Also mal ehrlich: Wer auch immer von uns behauptet, von diesem Konzert irgendwas Konkretes erzählen zu können, LÜGT! Da KANN niemand eine Erinnerung dran haben… 😉
Neues Album: KING EGO
Barny: Statt Album könnte man auch „Compilation“ sagen. Das letzte Album „Vorhang auf“ ist nämlich schon 15 Jahre her. Und seitdem sind doch so einige Songs zusammengekommen. Das neue Album ist entsprechend abwechslungsreich: Mal Vollgas nach vorne, mal Ska-Punk, mal Mid-Tempo. Und ich finde: Saxophon und Harp sorgen bei einigen Songs für einen ganz besonderen Sound.
Ich glaube, da ist für jeden was dabei. Und das alles kostenlos zum freien Download. Uns geht es nicht darum, mit der Mukke Geld zu machen – wir wollen Spaß haben. Und authentisch bleiben.
Deswegen haben wir die Songs ohne ein Label herausgebracht. An dieser Stelle, weils so schön passt, ein paar Zeilen aus dem Song DIY:
„Gibt’s von ‚ner andern Band was Neues, bin ich nicht selten irritiert, weil trotz der High-End-Produktion mich die Musik nicht infiziert. Haben die das ernsthaft oder nur, weil es gewünscht war, so rausgebracht? Bands, die ihre Lieder wie ein Feuerwerk abbrannten! Wo sind sie hin: Wo sind die Ecken, wo die Kanten? Vom Mainstream geschliffen, vom Business domestiziert…“
Haben wir leider so erleben müssen – und so wollen wir einfach nicht enden! 😉
Songs und Texte
Im Titelsong King Ego geht es um die Rücksichtslosigkeit, die in unserer Ellenbogengesellschaft schon zum Prinzip geworden ist. Sehr kritisch betrachtet werden die unerträglichen Blender der Geschäftswelt (Bullshit Bingo) und die noch weiter steigende Gewalt in der virtuellen Welt (Pass auf). Und der Kleine Blockwart mit seinem Denunziantentum kriegt ebenso zurecht sein Fett weg.
In DIY reflektiert die Band ihr 33-jähriges Bestehen mit allen Hochgefühlen und Enttäuschungen. Der Song 100 % widmet sich den eigenen Unzulänglichkeiten. In Typisch deutsch bekommen wir zu hören, was hierzulande alles so ganz und gar nicht geht – sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne!



Lilo: Wie seht ihr die aktuellen Entwicklungen in unserer Szene? Barny: Ich persönlich finde es sehr schade, dass die Punk-Szene immer mehr zersplittert. Ich will hier jetzt auch gar nicht ins Wespennest stoßen, aber das ist teilweise schon krass ideologisch! Zum Beispiel das Reiz-Thema „kulturelle Aneignung“: Fehlt ja nur noch, dass demnächst keine Iro-Träger mehr auf Konzerte gelassen werden – wenn sie nicht nachweisen können, dass sie dem Stamm der Irokesen angehören. Absurder Unsinn sowas! Mir fällt da eine Textzeile von Slime ein: „Je kleiner wir sind, desto größer der Drang, sich aufzuspalten.“
Schoener Wohnen!

Lilo: Habt ihr eigentlich sowas wie ein „Wohnzimmer“? Stichi: Mitte der 90er gab es da den Ballroom Esterhofen, 20 km nördlich von München im letzten Kaff! Da haben sie ALLE gespielt: Offspring, Pennywise, 7 Seconds, The Exploited… – einfach alle! Die Konzerte waren immer ein Erlebnis – ob als Besucher oder als spielende Band. Und dort haben wir auch die ersten beiden Scheiben „Ein Volk ist satt“ und „Über Leichen“ aufgenommen. Live eingespielt – kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Marc: Aber unser Wohnzimmer oder unsere Höhle ist und bleibt der Proberaum. Mit Zapfanlage!
Lilo: Wer ist aus der Crewfamilie nicht wegzudenken? Stichi: Eigentlich gehören (bis auf 2,3 ehemalige Mitglieder) alle zur Bandfamilie. Egal, ob noch Kontakt besteht oder nicht. War uns immer wichtig. Ich bin seit 13 Jahren mit der Annette zusammen, sie hat bis ’96 Gitarre bei uns gespielt. Und speziell zu erwähnen wäre der Jan. Er begleitet uns von Beginn an und hat uns immer tatkräftig unterstützt. Von der Konzertorga in Franken bis hin zur stetigen Versorgung mit Bier – Jan ist praktischerweise Brauer! Aber auch bei Veranstaltungen, die wir organisiert haben, stand er uns immer zur Seite. Durch und durch eine gute Seele.
Lilo: Welche Bands haben Euch besonders beeinflusst oder tun es noch? Stichi: Ich würde sagen: ganz klassisch. Slime, Toxoplasma, Canal Terror/Molotow Soda, VKJ aber auch Skate Punk à la NOFX, Pennywise und Bad Religion. Später kamen dann noch Ska Punk-Bands dazu. Ich persönlich habe aber auch viel Metal gehört. Aber um diese Musik zu machen, bin ich an den Drums zu schlecht. 😉Barny: Und bei mir war es immer mein Englisch, das zu schlecht war! 😉 Deshalb Deutsch-Punk! Nein, tatsächlich: Ich wollte in meinen Texten immer auch eine Botschaft verpacken. Und ich wollte Songs schreiben, für die ich mich auch Jahrzehnte später nicht schämen muss. Ich würde sagen: sozialkritischer D-Punk. Was nicht heißen soll, dass wir spaßfrei sind. Ganz im Gegenteil: Feiern gehört bei uns zum Selbstverständnis! 😉
Lilo: Engagiert ihr Euch in sozialen Projekten – was liegt Euch da am Herzen? Stichi: In den letzten Jahren haben wir die Projekte der Champagner Punx mit ihrer Sampler-Reihe „Das Feindbild von…“ unterstützt. Da werden diverse Projekte supportet: von Tierschutz bis Kinderhospiz – alles dabei! Außerdem spielen wir regelmäßig auf Benefiz-Konzerten. Das letzte war im Oktober in Ulm für ein Frauenhaus – organisiert von den Jungs von Sick of Society.
Lilo: Was habt ihr im nächsten Jahr an Festivals oder Konzis geplant? Stichi: Für 2026 haben wir leider erst sehr wenige bestätigte Shows. Ein Festival in Niedersachsen, mehr darf ich dazu noch nicht sagen, und im September in Wien. Wer Lust und Laune hat, kann sich immer bei uns melden!
Barny: Es werden schon noch paar Gigs dazukommen, bin da zuversichtlich. Und mit „King Ego“ im Gepäck sollte das für jeden Freund des Deutsch-Punk Anreiz genug sein, mal bei uns vorbeizuschauen! Und mit uns zu feiern! 😉
Kontakt, Musik und Merch
Bandanfragen: stichi-missbrauch@gmx.net
Musik & Merch kaufen: www.missbrauch.bandcamp.com
Label / Produzent: Alles DIY!
Social Media und Stream
Infos & Bilder: @Missbrauch