ZSK stehen für Punkrock mit klarer antifaschistischer Haltung und einem großen „Herz für die Sache“. Dabei sind heute Abend die ROGERS aus Düsseldorf, sowie das Pop-Punk Duo ZIRKEL.
Der Tag beginnt für uns im Flixbus von Berlin zurück nach Hamburg. Mutti und ich waren nämlich am Vortag auf dem Konzert von Sondaschule in der Columbiahalle. Dementsprechend sind wir „leicht angeschlagen“. Mir fallen mir immer wieder die Augen zu und ich denk mir so: „Wer macht eigentlich immer diese bescheuerten Wochenend-Planungen?“. Am Ende dieses Gedankenganges erkläre ich mich selbst für schuldig. Nun ja was soll man machen, wenn mal wieder gefühlt alle geilen Konzerte direkt nacheinander stattfinden?
Immerhin kommen wir pünktlich gegen 14 Uhr wieder am berühmt berüchtigten Hamburger ZOB an und können uns zuhause noch ein paar Stunden ausruhen. Bei Mutti heißt das: Schlafen gehen. Bei mir heißt es „Mensch, es sind noch 2 köstliche Schultheis Bier in meinem Rucksack. Lass die mal trinken und ne kleine Musiksession im Wohnzimmer starten“.


Gegen 17 Uhr geht es dann los in Richtung Kiez. Die Hamburger S-Bahn zeigt sich von ihrer „schönsten Seite“ und wir stehen erstmal 20 Minuten am Gleis. Irgendwann schaffen wir es doch nach St Pauli. Kleine kulinarische Stärkung und ab zur legendären Straße „Große Freiheit“.
Das schöne – wenn man so regelmäßig wie ich auf Punk Konzerte in Hamburg geht, man findet sofort bekannte Gesichter. Am heutigen Abend sind das Gesine, Marc und Börje, die wir natürlich solidarisch in unseren Schlangenplatz mit aufnehmen. Der Einlass geht angenehm schnell.
Das gute bei Winterjacken, es passt viel in die Taschen. Insofern erstmal ein Shirt beim ZSK Merch gesichert und in die Jacke gestopft. Hat 2 Vorteile. Man ist nach dem Konzert schneller an der Garderobe und ich muss nicht hinterher – von oben bis unten tropfend nass – zum Stand „hecheln“. Der Laden ist gut gefüllt, allerdings nicht ganz ausverkauft.
Gegen 19 Uhr geht es los, mit der 2-köpfigen Band Zirkel. Sänger mit Gitarre und Schlagzeuger. Soundtechnisch würde ich das Ganze mal als Pop Punk bezeichnen, in der Tradition von Blink 182 oder Sum41. Die Texte sind allerdings in deutsch gehalten, thematisch teilweise politisch und viel Außenseiter „Coming of Age“. Vorgetragen mit guter Laune und Humor, ein gutes Beispiel ist dafür der Song Wenn Fynn Kliemann alles kann mit folgenden Refrain:
Wenn Fynn Kliemann alles kann
Warum rettet er nicht Punk-Rock?
Wenn Fynn Kliemann alles kann
Warum beendet er nicht Forster?
Wenn Fynn Kliemann alles kann
Warum ist Alles, wie es ist?
Wenn Fynn Kliemann alles kann
Soll er mal helfen, Alter denk‘ nicht nur an dich!
Ansonsten zeigen sich die beiden Jungs sehr dankbar für die Chance, heute hier aufzutreten. Vom Publikum bekommen sie anerkennenden Applaus. Leider sind noch nicht alle drin und die Halle ist beim ersten Auftritt des heutigen Abends nur halb gefüllt, was sich später zum Glück aber noch ändern sollte. Zirkel lassen sich nicht beirren und liefern stimmungsvolle 30 Minuten, die Lust auf mehr machen.



Schon gegen 19:45 Uhr geht es weiter mit der Punkrock Truppe Rogers. Ich kannte bis zu diesem Abend ehrlich gesagt nur wenige Songs von der Band. Trotzdem überzeugen sie mich auf ganzer Linie. Sänger Chri hat eine super markante Stimme und entpuppt sich dazu als rheinländische Frohnatur. Gewisse Vorbilder wie die Toten Hosen sind sowohl textlich, als auch musikalisch durchaus zu erkennen, was absolut als Kompliment gemeint ist. Inhaltlich gibt es gewohnte Kost: Freundschaft, Party, Gegen Rechts und gegen das Spießbürgertum. Das Ganze ist wie bei den erwähnten Düsseldorfer Kollegen hochgradig tanzbar und die Refrains lassen sich schnell mitsingen. Eine Kostprobe aus Mittelfinger für immer:
„Mittelfinger für immer
Werd ich im Regen nicht mehr nass
Der Terminkalender leer
Aber das Bier ist immer voll
Mittelfinger für immer, für immer
Ab jetzt gönn ich mir den Spaß (Spaß)“
So ist dann auch der Pit schnell eröffnet. Eigentlich wollte ich da erst bei ZSK rein. Dann bekomme ich allerdings eine Bierdusche erster Güte und denke mir so „Nass ist nass“. Also rein ins Vergnügen ! Viele der Zuschauer kennen die Songs deutlich besser als ich und sind auch in den Strophen durchaus textsicher.
Sehr cool wird es mit einem Cover von Kreuzberger Nächte sind lang. Für mich zwar etwas skurril, da Kreuzberg ja nun nicht in Düsseldorf liegt, aber warum nicht. Hier wird auf jeden Fall die Karneval Affinität der Band deutlich. Wir werden zu einer Polonaise durch den ganzen Saal aufgefordert und lassen uns natürlich nicht zwei Mal bitten. Ich liebe diese „für jeden Scheiß zu haben“ Attitude auf solchen Konzerten. Einfach mal loslassen, sich nicht darum kümmern, wie man aussieht oder ob man sich „zum Affen macht“. Einfach mit den Leuten durchdrehen und die gesellschaftlichen Normen zumindest mal für ein paar Stunden über Bord werden.
Das Set geht ungefähr 60 Minuten und wird mit Einen letzten Abend beendet. Ein echtes Abschiedslied:
„Bring mich zurück auf die Strasse, bring mich zurück dahin, wo alles begann
Bring mich zurück! Ich will nur noch einmal tanzen. Einen letzten Abend lang“
Das Publikum gibt noch einmal alles und entlässt die Jungs mit begeistertem Applaus.



Gegen 21 Uhr fällt der Vorhang und meine liebsten „Antifa Punker“ betreten die Bühne mit Wir kommen in deine Stadt. Der Moshpit ist von Anfang an für mein Empfinden deutlich härter als bei den Rogers zuvor. Bereits nach gefühlt 30 Sekunden stoppt Sänger Joshi den Song, da sich vorne jemand scheinbar ziemlich weh getan hat, so richtig mit Blut. Die Security hilft ihm raus und ZSK starten den Song nochmal neu. Bereits an der Aktion zeigt sich, was für ein Herzensmensch der Sänger ist. Scheiß auf den Knalleffekt mit „Vorhang runter und durchdrehen“, die Gesundheit der Zuschauer geht klar vor. Später kommt der Betroffene dann sogar mit Kopfverband wieder zu uns nach vorne.
Schon früh im Set kommt mit Herz für die Sache einer meiner absolut Lieblingssongs. Ein Statement gegen Rechts allererster Güte.
Unsre Faust gegen Nazis
Unsre Hand für die, die mit uns kommen
Denn wir gehen diesen Weg nicht alleine
Es gibt nichts was uns aufhalten kann!
Wohoho wohoho wohohoho
Bis alles anders wird

Nicht nur musikalisch engagieren sich ZSK; sie haben 2006 mit „Kein Bock auf Nazis“ gegründet. KBAN ist Deutschlands größte unabhängige Jugend-Initiative gegen Rechtsextremismus und Rassismus. Diese wird inzwischen unter anderem auch von Bands wie den Toten Hosen, den Broilers oder auch den Fantastischen 4 unterstützt. Zahlreiche Streetteams zeigen Präsenz auf Konzerten und Festivals, mit Flaggen und Infoständen. Außerdem helfen sie bei der Organisation von Demos gegen rechte Aufmärsche und Veranstaltungen. Nicht zuletzt für den Protest am heutigen Tag gegen die Gründung der neuen Jugendorganisation der AFD in Gießen.
Mit Punkverrat kommt ebenfalls schon früh im Set ein echter „Evergreen“. Es geht um angeblichen „Ausverkauf“ im Punkrock. Ein leidiges Thema in unserer Szene. Soli Shows und alles an Engagement was man so machen kann, das wird alles bei einer politischen Punkband vorausgesetzt. Aber wehe die Band fängt an, mit dem was sie machen, Geld zu verdienen, dann heißt es ganz schnell:
„So Freunde, jetz passt mal auf
Wenn ich und meine Kumpels euren
Band Namen buchstabieren würden
Dann würde das folgendermaßen klingen
A-U-S-V-E-R-K-A-U-F!
Ausverkauf!“
Die Musik von ZSK geht in Sachen Geschwindigkeit schon öfter mal in Richtung Hardcore, allerdings bleibt sie dabei stets melodisch. Durchaus in der Tradition ihrer amerikanischen Kollegen von Bad Religion. Von den neueren Songs hätten Titel wie Neuanfang durchaus das Potenzial fürs Radio. Das mag ein paar Fans der ersten Stunde erschrecken, aber ich mag sowohl die neuen, als auch die alten Alben. Zudem halte ich es für gut, dass die Message so einem noch größeren Publikum zugänglich gemacht wird. Am heutigen Abend ist dieses sehr bunt gemischt, von Kind bis Alt-Punk, von Kutten- bis Hemdträger – alle sind die dabei.
Mein absoluter Favorit vom neuen Album Feuer und Papier ist der Titel Nicht allein. Ein Song für alle, die mit der aktuellen politischen Situation und dem gesellschaftlichen Klima unzufrieden sind und manchmal daran zu verzweifeln drohen. Für die, die etwas auf die Beine stellen und bei ihrer Haltung bleiben, auch wenn es zurzeit massiven Gegenwind gibt. Für all diese Leute und auch für mich fühlt sich das Lied wie eine wärmende Umarmung von einem guten Freund an:
„Was wirst du sagen, in 10 jahren?
wenn sie dich fragen, wo alle waren
Du warst ganz vorn, hast dich nicht weggeduckt
Die kriegen uns nie kaputt“
Ein – wie die Gen Z sagen würde – echter Banger ist der Titelsong vom letzten Album Hassliebe. Dieser lädt zum Springen und zur kollektiven Eskalation ein. Ein Song über die Gefahren und den Hass, der im Internet lauert:
„Jede Sekunde 1000 Terrabyte
Sex, Werbung, Hass und Beliebigkeit
Jede Sekunde 1000 Terrabyte
Jede Sekunde 1000 Terrabyte
Hass, Hass, Hass!“
Die Strophen werden von Joshi fast schon geschrien, während der Refrain total melodisch ist. Ein Muster das sich durch viele der Bandwerke zieht und live eine unglaubliche Energie freisetzt. Eine Energie, die heute von einigen im Pit fast „zu doll“ gegen andere tanzende Menschen eingesetzt wird. Aufgrund meines ziemlich breiten Kreuzes und vielleicht auch aufgrund der (durchaus vorhandenen) Bierplauze kann ich dem meistens ganz gut was entgegensetzen. Allerdings ist es für mich ein Gradmesser, wenn „schmächtigere“ Menschen nach hinten rücken. Ich sehe mal rüber zu meiner Pogo-Kollegin Gesine. Sie ist eher klein und schlank, aber sehr stark und furchtlos im Pogo. Wenn die sich ein paar Reihen zurückzieht, dann eigentlich nur, wenn gewisse Herren es einfach übertreiben. An diesem Abend betrifft das zwar nur eine Hand voll Leute. Aber die reichen ja leider oft aus, um Leute im schlimmsten Falle ernsthaft zu verletzen.
Insofern gut, dass die Band im zweiten Drittel des Konzertes eine kleine „Lagerfeuer Akustik Pause“ macht. Zu zweit kommen sie zu uns ins Publikum und Joshi singt den Song Und ich höre dich Atmen. Die sehr bewegenden Worte hat Joshi, soweit ich weiß, für sein Kind geschrieben. Sie lassen sich aber auf jeden Menschen übertragen, den man liebt. Zum ersten Mal heute Abend kommen mir die Tränen. Der Refrain geht wie folgt:
„Und ich höre dich atmen
Ganz leise neben mir
Egal wo du bist
Ich finde immer zu dir
Ich bewache deinen Schlaf
Damit dir nichts passiert
Ich bin hellwach
Liege immer noch hier“
Zurück auf der Bühne machen die Jungs weiter mit dem Opener vom aktuellen Album 3 Uhr nachts . Vor der Zugabe wird es nochmal richtig wild im Pit. Als romantischen Song „angetäuscht“ gibt es zuerst Himmel und dann Kein Mensch ist illegal auf die Ohren. Ersterer wurde quasi als vertonte Antwort geschrieben auf den 2022 begonnenen Angriffskrieg von Russland auf die Ukraine. Der zweite Song ist ein Klassiker vom 2004 erschienenen Album From Protest to Resistance.
Nach der üblichen „Zugabe rufen“-Prozedur gibt es noch drei weitere Songs. Angefangen mit Es müsste immer Musik da sein, anschließend darf natürlich Alle meine Freunde nicht fehlen, inklusive riesiger Flagge auf der Bühne.
Und den Abschluss bildet „Antifascista„, der perfekte Song für jede Demo gegen Rechts:
„Unsere Stadt, merkt euch das
Für euch ist kein Platz da
Alerta Alerta Antifascista
Wir stoppen eure Aufmärsche
Hetz-Propaganda
Alerta Alerta Antifascista“



Nun ist Schluss und ich bin klitschnass, wie immer. Es geht ins von mir schon öfter mal beschriebene Semtex in der Hopfenstraße. Den Laden wollte ich meiner Mutti einfach mal zeigen und sie ist genauso begeistert; wie von mir erhofft. Einfach nette Leute, gute Musik, gemütliches Sofa, gute Getränkepreise und sehr fähiges Personal. Wir versacken noch ein bisschen mit den anfangs beschriebenen Leuten. Die Müdigkeit vom Mittag ist längst vergessen. Es ist wieder mal einer dieser Abende, bei denen man hofft, sie würden nie enden. „Liebe gute alte Zeit, bleib ein bisschen stehn…!
Leider geht der Abend trotzdem irgendwann vorbei. Zuhause noch das letzte Hansa Pils aus meiner Kiste geleert und noch etwas mit Mutti übers Leben philosophiert. Irgendwann gegen 3 Uhr morgens meldet sich mein Körper und mein Geist spricht zu mir: „Herr Leichtmatrose, gehen sie jetzt ins Bett! Gehen sie nicht über LOS und ziehen sie sich keine weiteren isotonischen Sportgetränke mehr rein!!“ Ich falle in einen tiefen Schlaf – mit einem Lächeln auf den Lippen.
Abschließend bleibt mir noch zu sagen: Nur LIEBE für ZSK! Toll, dass es euch gibt und jederzeit wieder ! Zudem habe ich mit Zirkel und den Rogers zwei coole Bands für mich neu entdeckt.
