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Swiss und die Andern in Hamburg 2025

Heute ist Samstag der 21.12.2025 und es geht es in die Große Freiheit 36 für die „besteste Band der Welt“.

Nämlich zu Swiss und die Andern und deren Punk ist tot Live Premiere. Als Support haben sie die Hinterlandgang aus Mecklenburg-Vorpommern angeheuert, die für mich auch keine unbekannten sind.

Ich bin in meiner Schulzeit in den Nullerjahren früh in Kontakt mit Rap gekommen. Alle an meiner Schule haben Rap gehört und ich wurde nach und nach zu einem echten Hip-Hop-Musik-Nerd. Mit Punk hatte ich damals, bis auf das „American Idiot“ Album von Green Day, wenig zu tun.

Irgendwann hat mich der Mainstream-Rap gelangweilt, es ging immer um die gleichen Themen. Und teilweise auch in einer Art „besprochen“, hinter der ich heute absolut nicht mehr stehen kann. Auf jeden Fall bin ich dadurch immer mehr in die Untergrund-Szene eingestiegen. Da gab und gibt es richtig gute Künstler und zum Glück inzwischen auch viele Künstlerinnen bei uns in Deutschland.

Als Hamburger sind mein langjähriger Freund und ich natürlich irgendwann auf Swiss gestoßen. Swiss hatte zu der Zeit ziemlich kontroversen Rap gemacht und den Begriff „Tabletten-Rap“ mehr oder weniger in der Szene etabliert. Schon damals ging es thematisch unter anderem viel um Mental Health, das „anders sein“ und um Freaks, die teilweise sehr schlimme Dinge machen. Sucht war zudem ein allgegenwärtiges Thema. Ich mochte schon bei den Rap-Songs von Swiss, dass er sich im Gegensatz zu vielen anderen Rappern nicht immer so ernst genommen hat. Es gab immer auch lustige Texte auf seine Kosten, zudem wurden die ernsten Themen in einer Radikalität beschrieben, die ich so bisher nicht kannte.

2014 gründen sich dann Swiss und die Andern, ein Crossover zwischen Punkrock und Rap, in der Tradition von großen amerikanischen Vertretern wie Rage against the Machine. Schon auf dem ersten Album Große Freiheit wird die typische Punk-Attitude gegen Obrigkeiten und gegen Rechts deutlich, musikalisch meist äußerst melodisch. Manchmal aber auch mit so harten Riffs, die durchaus schon in Richtung Metal gehen. Ich erinnere mich noch gut an die ersten Konzerte im Kaiserkeller, welcher quasi der Keller der Großen Freiheit 36 ist. Ungefähr 700 Leute passen da rein. Bei der ersten Show der Band waren es meiner Recherche nach ca. 100 Zuschauer, trotzdem war es eine legendäre Show. Eine solche Energie hatte ich bei den sonst von mir besuchten Rap Konzerte noch nie erlebt. Zudem war das Miteinander einfach ein anderes: viel herzlicher und viel mehr miteinander als gegeneinander.

In den Jahren danach wurden es immer mehr Leute. Irgendwann war der Kaiserkeller ausverkauft und es ging „hoch in die Freiheit“. Dann war die Große Freiheit plötzlich auch ausverkauft mit gut 1500 Leuten. So ging es immer weiter bergauf bis zum Dezember 2019. Da war die bis dato größte Swiss und die Andern Show, in einer ausverkauften Alsterdorfer Sporthalle mit ca. 7000 Zuschauern.

Dann kam Corona…..

Erst im Jahr 2022 habe ich sie dann wieder gesehen. Und das in der wunderschönen schnuckeligen Hole44 in Berlin Neukölln, zum Release vom Orphan Album auf der „Kleine Clubs zerficken“-Tour . Seitdem sind wieder ein paar Jahre vergangen und am 19. und 20. Dezember 2025 kehren sie endlich in diesen wichtigen Hamburger Club zurück.

Durch Swiss und die Andern habe ich zu Bands wie Ton Steine Scherben, Slime und ZSK gefunden. Und damit war die Box der Punk-Pandora für mich geöffnet. Ich hab in den letzten 7-8 Jahren alles an Punk aufgesaugt, gefühlt jede Woche eine neue Band entdeckt und wunderbare Menschen mit den gleichen Interessen kennengelernt. Ohne den Dosenöffner Swiss und die Andern würde ich diese Konzert-Blogs heute auch ganz sicher nicht schreiben. Politisiert haben sie mich zudem auch, vorher war ich das nicht wirklich.

Die Location war gestern schon ausverkauft und ist es am heutigen Samstag ebenfalls. Wir stehen vorausschauend schon eine halbe Stunde vor Einlass in einer relativ langen Schlange vor dem Eingang. Dann noch ein paar gute Gespräche vor der Bühne und schon geht es los mit der ersten Band.

Hinterlandgang

Den Auftakt machen die drei Jungs aus Mecklenburg-Vorpommern. Die Hinterlandgang hatte ich bereits im Sommer als Support für Feine Sahne Fischfilet in Berlin gesehen. Über das Konzert gibt es auf unserer Seite ebenfalls einen Bericht. Dort beschäftige ich mich ziemlich ausführlich mit ihnen, von daher gibt es hier heute einen etwas kürzeren Bericht. Wir haben 2 Rapper und einen DJ, die sich thematisch sehr intensiv mit ihrer Ostdeutschen Heimat in der Provinz und dem Leben dort auseinandersetzen. Die Themen sind teilweise ziemlich hart. Trotzdem bewahren sie sich (so gut wie möglich) ihre positive Grundeinstellung und man sieht ihnen die Freude an dem was sie machen in jeder Sekunde an. Heute entscheiden sie sich für ein ziemlich ruhiges Set, ohne die großen Moshpit-Songs. Das gefällt nicht jedem im Publikum, aber man merkt, dass es ihnen gerade ein großes Anliegen ist, diese Songs heute zu spielen und am Ende bekommen sie natürlich trotzdem wohlwollenden Applaus.

Swiss und die Andern

Kurz vor 20 Uhr betreten die „Local Heroes“ die Bühne mit dem namensgebenden Song Punk ist tot vom neuen Album. Dieser geht über in Bock auf Stress und der Pit ist sofort sowas von angezündet! Mit Punk zurück gibt es anschließend einen echten Klassiker vom ersten Album Große Freiheit.

Die Setlist ist allgemein heute eine wilde Mischung aus alten und neuen Songs. Dabei bleiben sie stets ziemlich unberechenbar. Mal 3 ganze Songs, dann plötzlich wieder ein Medley mit 3 Strophen, aus 3 verschiedenen Songs. Manchmal schade, wenn man den Song sehr mag, aber in Sache „Eskalation erzeugen“ ein verdammt gutes Stilmittel.

Ein Lied welches eigentlich immer einen Platz im Set findet ist Punkah auf Sri Lanka. Traditionell werden während des Songs 2 Schlauchboote ins Publikum gereicht, auf denen dann „Crowd Surfing“ vollführt werden darf. Das Publikum ist wach, hilfsbereit und niemand stürzt vom Boot. Wenn das mal im echten Leben auch so wäre….

Zum ersten Mal emotional wird es mit Sehnsucht gefolgt von Ficken bis der Frieden kommt. Beide Lieder vom neuen Album liefern eine willkommene Pogo-Pause und statt dessen setzen wir uns beim ersten Song alle hin. Ein Paradebeispiel für einen Swiss und die Andern „Mental Health“ Song. Sehr melancholisch, dennoch fühlt man sich in den Arm genommen und wenn der Song vorbei ist, geht es einem etwas besser. Wie Swiss sagen würde: „Ein Pflaster für die Seele“ und das „zusammen singen“ macht es noch einmal schöner. Der zweite Song handelt von der absolut aktuellen Sorge davor, als junger Mensch bald in den Krieg ziehen zu müssen. Er steht für eine absolute Verweigerung für sein Land zu sterben, für einen Kampf der nicht der unsere ist. Damit spricht er nicht nur mir aus der Seele. Das Publikum ist im Schnitt ziemlich jung, sicherlich auch mit einigen Menschen, die bald zur Musterung müssen. Allerdings beichtet uns Swiss, dass seine Mutter den Song sprachlich etwas obszön findet. Was auch immer sie damit meinen mag 😉

Vermisse dich darf nicht fehlen, noch immer wohl der Klassiker schlechthin. Erschienen bereits vor dem ersten richtigen Album, auf dem Wixxtape und inzwischen in der Ursprungsversion „verboten“. Die Melodie klang der Bloodhound Gang etwas zu „vertraut“ und sie haben Swiss und die Andern daraufhin verklagt. Insofern muss die Live-Performance immer etwas abgewandelt zum Original sein. Heute holt sich Swiss zwei Zuschauer aus dem Publikum, die den Hauptteil singen und das richtig gut!

Als Gäste haben wir heute einmal Chris Harms von Lord of the Lost. Der singt mit Swiss dann doch tatsächlich Verdammt ich lieb dich von Matthias Reim. Und was soll ich sagen, das Publikum feiert mit. Als zweites Duett folgt dann Schrei nach Liebe von den Ärzten.

Der zweite Gast ist Dirk Jora alias Diggen. Ein St. Pauli Urgestein und bis vor wenigen Jahren Sänger von Slime. Er bedankt sich erst einmal bei der Band dafür das „sie ihn gerettet haben“. Anschließend formiert sich die Wall of Death, denn alle wissen was kommt: Wir gegen die!

Die größte Überraschung am heutigen Abend ist das Stück Germanische Angst von der Wir gegen die-EP. Ein Text gegen den Hass auf Flüchtlinge, der heute vielleicht noch aktueller ist, als zu dem Zeitpunkt an dem er geschrieben wurde.

Bei Alaska und Asche zu Staub erwischen sie mich emotional eiskalt und ich bekomme richtig Pippi in den Augen. So sehr Swiss und die Andern eine Hütte abreißen können, am meisten bedeuten mir immer noch diese ruhigen Songs für geschundene Seelen.

Mein Zustand setzt sich fort bei Große Freiheit, einem Lied über und für Hamburg:

Du lässt mich ziehen, denn so macht das eine Seemannsbraut
Du bist mein Nordlicht, das immer auf meinen Weg vertraut
Du weißt, ich komm zu dir zurück und ich geb einen aus
Du bist mein Hamburg, der Leuchtturm in meinem Lebenslauf

Am Ende ist natürlich noch Zeit fürn bisschen Pogo, denn der Song Pogo ist immer ein Garant für einen ordentlichen Circle Pit. So auch am heutigen Abend. Als er sich wieder auflöst in einen normalen Pit verliere ich das Gleichgewicht und es liegen 4-5 Leute auf mir. Allerdings wird sich das ganze Konzert über vorbildlich und solidarisch wieder auf die Beine geholfen.

Als Rausschmeißer muss final noch der „linksradikale Schlager“ herhalten, ein Sideproject von Swiss das fast schon erschreckend erfolgreich geworden ist. Eine letzte Polonaise durch den Saal und dann ist Schluss nach gut zwei Stunden Spielzeit.

Die Ohren klingeln, das Ruhrpott Rodeo Shirt + Jeans sind klitschnass und ich habe Schnappatmung wie ein Kettenraucher, als Nichtraucher wohlgemerkt. Auf dem Weg zur Garderobe fragen mich drei mal irgendwelche Leute, ob ich okay bin. Wie bereits erwähnt, über das Publikum kann ich heute aber mal überhaupt nichts negatives sagen. Das war aber – zumindest bei mir persönlich – auch immer meine Erfahrung bei anderen Swiss-Konzerten.

Die „Missglückte Welt“ war und ist immer eine Anlaufstelle gewesen für „Außenseiter“ und auch für Menschen mit harten Schicksalen. Ich glaub die Band hat vielen Menschen ein Zuhause gegeben. Dabei sehe ich mich zwar eher als Beobachter am Rand, da ich zum Glück einen stabilen Freundes- und Familienkreis habe, aber dieses Grundgefühl nicht reinzupassen und dafür auch schon oft genug ausgegrenzt und gemobbt worden zu sein, kenne ich nur zu gut. Es ist schön zu sehen, wie die Leute die auf Swiss Konzerten sind (und teilweise ja auch in „Sippschaften“ organisiert sind) miteinander umgehen!

Mich hat die Musik von Swiss durch teilweise sehr schwierige Zeiten begleitet. Sie war und ist für mich in vielen Songs noch immer wie die Umarmung eines guten Freundes.

Ich beschließe an diesem letzten Konzert-Abend in diesem Jahr, trotz richtig netter Begleitung keine „versiffte“ und heißgeliebte Punker-Kneipe mehr auf dem Kiez aufzusuchen. Dafür zu Hause als erste Amtshandlung ein Ticket für das Konzert der Hinterlandgang im Februar und für das Swiss Konzert im Dezember 2026 bestellt. Quasi das für den Kneipenbesuch „gesparte“ Geld direkt wieder investiert und anschließend glücklich eingeschlafen.

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