Das „Sportfest“ der Band Tyna findet bereits zum dritten Mal statt und dieses Mal haben sie Alenna Rose im Gepäck.
Es sind alles andere als gute Bedingungen für einen Konzertabend. Das Wetter zeigt sich von seiner krassesten Seite. Schon seit Tagen kommt es in Hamburg zu ziemlich heftigen Schneeschauern bei Minustemperaturen. Die Folge daraus ist eine Mondlandschaft aus Schnee und heute soll auch noch richtig Sturm dazukommen. Dieser wird – zumindest in meinem Teil von Hamburg- dann doch nicht ganz so doll. Trotzdem „gefriert“ das Gesicht bei jeder Böe.
Die Schule fällt aus und die Bahnen fahren laut Nachrichten sehr unregelmäßig, während der Fernverkehr komplett eingestellt wird. An dieser Stelle mein Beileid an alle, die von außerhalb Hamburgs zum Konzert wollten. Ich bin in der privilegierten Lage, einen nicht allzu weiten (ÖPNV) Weg zum Kiez zu haben und mache mich trotz Warnung des Bürgermeisters gegen 19:30 Uhr auf den Weg. Nach 15 Minuten „Kühlschrank Vibes“ am Bahnhof kommt die Bahn und ich freu mich riesig 🙂

Tyna höre ich schon seit es sie gibt, zumindest in der heutigen Formation. Bereits 2015 erschien nämlich eine EP mit dem schlichten Namen Tyna. Soweit ich weiß, allerdings mit anderer Besetzung als heute und mit dem ersten kleinen Hit Gefangen. 2017/18 sehe ich die damalige und heutige Sängerin Tina zum ersten Mal im Lehmitz. Das Lehmitz war eine legendäre Musik Bar auf der Reeperbahn, die Ende 2025 und nach über 40 Jahren leider endgültig ihre Pforten geschlossen hat. Dort ist Tina regelmäßig mit einer Cover-Band aufgetreten. Ich war zu der Zeit oft im Lehmitz und ihre Auftritte wurden schnell zu meinen Favoriten.
Dazu muss man wissen, dass dort nur das Schlagzeug seinen festen Platz hatte, alle anderen Musiker haben den Saal direkt auf dem Tresen bespielt. Zwischen Bierflaschen und „Elend“, was zu absolut legendären Abenden geführt hat. Anfang 2018 sah ich dann dort einen Flyer für das Crowd-Funding einer zweiten TYNA EP, diese sollte später den Namen Dynamit tragen. Es gab verschiedene Möglichkeiten das Projekt zu unterstützen, ich hab das Album quasi vorbestellt und noch ein bisschen zusätzlich gespendet. Im Zuge dessen konnte ich auch ein längeres Gespräch mit Tina führen, dabei hat sie mir ziemlich eindrücklich geschildert, wie viel Arbeit ein solches Musikerinnen-Leben ist. Kaum einen Tag frei und nebenbei auch noch ganz normal arbeiten. Soweit ich mich erinnere in ihrem Fall zumindest auch im musikalischen Bereich.
Das Crow Funding war ein Erfolg und die EP kam dann 2019. Der Titelsong Dynamit zählt bis heute zu ihren sicherlich bekanntesten Songs. Es folgte mit Kontraste 2022 eine weitere EP, sowie ein paar Singles und 2024 schließlich das erste Album PNK. Angefangen in kleinen Clubs und Bars konnten sie in den letzten Jahren einige Support-Touren mit Namen wie Radio Havanna, ZSK und Kapelle Petra spielen. Auch bei den großen Rock-Festivals waren sie am Start und haben sich inzwischen eine Fan-Gemeinde erspielt.
Nun werden sich manche Leute vielleicht fragen, warum der Abend „Sportfest“ heißt. Zum Dritten Mal gibt es heute diese Veranstaltung und vor dem eigentlichen Konzert kann man (mit separatem Ticket) mit den Damen und Herren der Band „Flunky Ball“ spielen und am Ende gibt es eine Siegerehrung. Da ich mir nach einigen Jahren mal wieder einen alkoholfreien Januar verordnet habe, verzichte ich am heutigen Abend darauf.
Gegen 21 Uhr geht es dann endlich los mit Live-Musik. Die Bremer Band Alenna Rose besteht aus Sängerin und drei Herren an den Instrumenten. Soundtechnisch würde ich das ganz in Richtung Pop/Indie Rock mit Attidude einstufen. Alenna hat eine tolle Stimme und eine tolle Bühnenpräsenz, mit der sie das Publikum sofort auf ihre Seite zieht. Es geht viel darum, wie es in ihrem Kopf so aussieht. Darum wie sie ihr Leben leben möchte, nämlich ohne die stereotypen Vorgaben der Gesellschaft an eine Frau zu erfüllen.
Dazu aus dem Song Gutes Mädchen:
„Ich will kein gutes Mädchen sein
Nicht dein gutes Mädchen sein
Ich hab Dirty hair, bin zu laut und quer
Ich will kein gutes Mädchen sein“
Ein Statement das bestens zu diesem „Abend der starken Frauen“ passt. Sicherlich ein Pflaster auf die Seele von vielen Leidgenossinnen, die aus den noch immer viel zu konservativen und patriarchalischen Strukturen in denen sie aufwachsen, auszubrechen versuchen. Es ist der Titeltrack der gleichnamigen Debut EP.
In Stadt ohne Namen geht es um mentale Stagnation und Isolation in der Stadt. Über all die Ziele die man früher hatte, über „Anti Alles für immer“ und das was am Ende draus geworden ist. Man kann viel ausgehen und sich unter Menschen begeben, also viel „erleben“ mit Leuten. Aber oft bedeutet es, dass man sich auf lange Sicht am Ende des Tages trotzdem einsam und alleine fühlt. Ein Zustand, der einem schon mal den Schlaf rauben kann. Ich würde sagen der Titel symbolisiert, dass diese Muster eigentlich in jeder Stadt die gleichen sein können.
Die anderen Songs sind stimmungstechnisch etwas „heller“ und durchweg gut tanzbar. Als das Set nach einer guten halben Stunde zu Ende ist, sind wir definitiv auf „Betriebstemperatur“ und bedanken uns mit einem warmen Applaus.



Gegen 22 Uhr wird das Licht Dunkel und es ertönt als Intro der gemeinsame Song von Tyna und den Bad Schwartauer Jungs von Jackpot Fass mich nicht an. Im original wird in den Strophen aus der Sicht eines männlichen Disco-Täters gesprochen, der sich Frauen „gefügig“ machen will, im Refrain singt Tina dann gegen diese Typen an. Am heutigen Abend wird in den Strophen an ein solidarisches Miteinander für das folgende Konzert appelliert, der Refrain bleibt unverändert.

Dann geht es los und schon gleich zu Beginn schlägt der Song Hunger in die gleiche Kerbe und dazu gibt es dann auch erst einmal einen „Flinta Moshpit“. Sprich für Frauen und transgeschlechtliche Menschen, die leider im Kessel sonst öfter mal das nachsehen haben, insofern für diesen Song in meinen Augen eine gute Maßnahme. Das Konzert bleibt dann auch absolut friedlich und bietet Platz zum tanzen für alle.
Trotz Sturm und Wetter ist das Knust zum Glück ganz gut gefüllt. Natürlich trotzdem sehr schade, für alle die es nicht geschafft haben und auch für die Band.
Für alle die Tyna nicht kennen nun erstmal ein paar Worte zur Musik. Ich würde sie als Pop-Punk mit einigen 80er-Synthesizer -Einflüssen beschreiben. Meistens sehr melodisch und eingängig, im besten Sinne. Die Texte behandeln häufig das Thema Mental Health und Freundschaft, zudem gibt es Songs gegen Rechts und auch einfach lustige Lieder.
Einer meiner Lieblingssongs ist Anomalie von der Kontraste EP. Dieser kommt meiner Erinnerung nach auch schon sehr früh am heutigen Abend. Einfach gesagt, ein sehr schönes Lied über Freundschaft und das anders sein, das zum ausgiebigen Tanz einlädt :
„Du trägst mich seit ner Ewigkeit
Durch dick und dünn gehn wir zu zweit
Nur du kennst mich noch besser als ich selbst“
Politisch wird es mit der noch vor dem ersten Album erschienenen Single Wir haben Platz. Hier geht es konkret um die Forderung, dass wir in unserem westlichen Wohlstand immer noch mehr als genug Platz haben, um Flüchtlinge aufzunehmen. Leider eine Thematik, die heute vielleicht so aktuell ist, wie noch nie! In die gleiche Richtung, nur noch etwas radikaler verpackt geht es im Song FCK FRNTX. Es ist für immer wieder schön, wenn man mit gewissen Ansichten nicht alleine ist!
In Heavy Mittel wird das chaotische „anders sein“ beschrieben. Mit Zeilen wie „Alle bauen Häuser, ich bau nur Scheiße“ oder „Bei dir ist alles ordentlich und sauber wie geleckt. Bei mir feiern die Ratten grade Wacken unterm Bett“ kann ich mich persönlich gut identifizieren. Zudem ist es ein echter Pogo Song, der heute aber wie schon angedeutet, sehr entspannt bleibt.
Zwei, drei neue Songs vom kommenden Album werden heute ebenfalls gespielt. Live Funktioniert in in meinen Augen Kamehameha richtig gut. Hier geht es um den nächtlichen Heimweg und die gerade bei Frauen häufig empfundene Angst vor Übergriffen.
Richtig emotional wird es spätestens mit Untergrund und Heute Euphorie, beide behandeln das Thema Mental Health. Erst genannter ist zwar ziemlich nachdenklich, schlägt aber auch positivere Töne an in Zeilen wie „Ich schaufle mir heute noch kein Grab, bin gewappnet für diesen beschissenen Tag„. Für den zweiten Song kommen Tina und Mia ins Publikum und schlagen ziemlich düstere Töne an. Hier geht es dann um Depression und die Angst vor dem nächsten Tag, die dadurch entstehen kann. Ich persönlich kenne das in dieser Intensität zum Glück nicht, allerdings trifft es gerade mich als empathischen Menschen dann live auch sehr. Es ist ein emotionaler Moment zwischen Sängerin und Publikum, der aber auch etwas „empowerndes“ hat.
Nicht unerwähnt bleiben soll hier Sängerin Mimi von der Band Mischa. Diese moderiert souverän durch den Abend und singt unter anderem beim Song Fleck auf dem Teppich mit. Als zweiter Gast an diesem Abend unterstützt zudem Sascha Hörold (Alex Mofa Gang) beim Song Für alle und mich.
Total herzzerreißend ist an diesem Abend Trotzdem lieben. Ein klassischer Liebessong, der von Tina aber einfach super emotional und mit toller Stimme gesungen wird. Das geht einem förmlich durch „Mark und Bein“.
In der Zugabe entscheiden sich Tina und Gitarristin Mia zu den Klängen von Zu viel für dich auf der Crowd zu surfen und das Publikum fängt beide sicher auf 🙂
Ganz zu Schluss gibt mit dem Dixie Song noch einen sehr lustigen Abschluss.
Alles in allem ein wunderbarer und bewegender Abend. Ich erinnere mich an Konzerte der Band vor einigen Jahren im Headcrash, kurz vor dem zweiten Corona Lockdown oder auch im Drafthouse bei der Kontraste EP Release Show. Da waren leider in beiden Fällen viel zu wenige Leute da und schon da dachte ich mir: „diese Musik hat viel mehr Aufmerksamkeit verdient“. Von daher total schön zu sehen, dass diese Aufmerksamkeit so langsam kommt, die letzten zwei Sportfeste waren gut besucht.
Dieses Jahr waren es nun leider etwas „widrige Umstände“, im nächsten Jahr hoffe ich einfach sehr, auf ein wieder ausverkauftes Knust. Am Ende setzt sich Qualität langfristig durch. Tickets für das nächste Sportfest 2027 am 08.01.2027 gibt es bereits zu kaufen im TYNA Band Shop 😉





