Heute wechselt das Wetter von „Sonnenaufgang“ zu Weltuntergang in Minuten, zudem herrscht in meinem Kopf noch Gewitter von der gestrigen Nacht, die mal wieder erst gegen 4:30 Uhr am frühen Morgen geendet hat. In voller Montur einfach nach der Heimkehr im sitzen eingeschlafen, selbst die Regenjacke hatte ich noch an. Also beste Voraussetzungen für einen „erfolgreichen“ Trip von Hamburg nach Lübeck.
Bei der gemeinsamen Zugfahrt mit meinem Freund Michael werde ich dann aber doch schnell wieder munter. Nicht zuletzt mit Hilfe eines kleinen „Blumenstraußes“ von verschiedenen Bieren aus aller Welt und guten Gesprächen.
Angekommen in unserer Nachbarstadt sind wir schon bester Dinge. Zum Glück haben wir einen kostenlosen Schlafplatz in Form der Wohnung meiner Mutter und diese decken wir nun erstmal mit Kaltgetränken ein. Anschließend Dönerteller gefasst und noch ein Bier auf dem Balkon – vor dem nächsten Regenschauer.
Auf dem Weg zum Club gibt es schließlich noch ein Singha-Bier aus Thailand, um unsere kulinarische Reise durch die Welt abzuschließen.

Das Konzert findet im wunderschönen Treibsand statt, der Ort schlechthin für alternative Kultur in Lübeck, in Nähe des Holstentor. Das Personal arbeitet auf Ehrenamt und man merkt einfach immer wieder, wie viel Herz in diesem Projekt steckt. Was für einen großartigen Ruf dieser Laden hat, sieht man nicht zuletzt daran, dass immer wieder sehr bekannte Bands wie Dritte Wahl, ZSK oder letztens K.I.Z. dort auftreten. Sicherlich auch weil das Treibsand eine Basis für so vieles in unserer Szene bietet: Es geht nicht um Profit, sondern die Kultur und die Menschen stehen an erster Stelle. Sowas ist leider selten geworden.
Merkt man dann auch an den Preisen. Das Ticket hat ca. 20 Euro gekostet. Das ist, gerade für eine ausländische Band, heutzutage schon echt ein unschlagbarer Preis. Zudem gibt eine große Auswahl an Bieren, wie Flensburger, Pilsener Urquell, Astra oder Jever. Die 0,33er Flasche Astra kostet 2 Euro und für den Rest 2,50 Euro. Once again – absolut unschlagbar. Das Personal ist super nett und der Laden lockt eigentlich immer freundliches Publikum an.

Vor dem Eingang holt Michael noch „gewisse Kräuter“ aus seiner „Rauchdose“ und der Gang in den Club fällt mir anschließend gar nicht so leicht, dafür wird die Laune immer besser.
Leider sind zunächst fast gar keine Leute da. Die anwesenden Leute sind irgendwie immer da, mal als Ehrenamtliche Helfer, mal als Besucher, manchmal auch irgendwie beides in einem. Man merkt, dass es sich schon um eine eingeschweißte Gemeinde handelt, aber trotzdem fühlt man sich als Mensch, der nur gelegentlich mal da ist, immer superlieb und gut aufgenommen 🙂
Kurz vor Beginn gesellt sich dann noch unser guter Freund Oli, von uns eigentlich nur noch „Der Heiland“ genannt, dazu und ich freu mich sehr. Weit hat er es nicht, da er in Lübeck wohnt.
Gegen 21:30 Uhr geht es los. Zum Auftakt gibt es sehr ungewöhnlich experimentelle Klänge von der Zwei-Menschen-Kombo Matrone aus Hamburg. Marta mit Gitarre und Gesang, Ronja an den Drums. Das Schlagzeug fällt mir sofort auf, denn Ronja liefert eine grandiose Performance mit großen Variationsreichtum.
Viele Stücke sind mehr Akustik als Gesang, dabei wechseln sich ruhige Passagen mit brachial schnellen Passagen ab. Man weiß gar nicht so recht, wie einem geschieht und wie man das ganze einordnen soll. Mal denke ich an Pink Floyd, dann denke ich an sowas wie Element of Crime (was beides als absolutes Kompliment zu verstehen ist). Ich glaube so beim dritten Song hört man dann auch Marta mal singen. Inzwischen haben zum Glück doch noch ein paar Leute den Weg ins Treibsand gefunden und wir lauschen gebannt.
In den Ansagen kommen beide sehr sympathisch rüber und gegen Ende wird dann auch klar politisch Flagge gezeigt. Es wird ein Song angekündigt, bei dem es um die Notwendigkeit von Seenotrettung auf dem Mittelmeer geht. Ich finde es immer wieder wichtig, dass dieses Thema weiterhin angesprochen wird. Gerade jetzt, wo die EU-Kommission Europa endgültig zu einer „Festung“ zu machen möchte. Alles in allem ein toller Auftritt von Matrone.



Mein Raum-Zeit-Kontinuum hat sich inzwischen etwas verabschiedet, aber soweit ich mich erinnern kann starten die Ladies von Maid of Ace so gegen 22:30 Uhr. Was ich an den Schwestern so liebe, egal ob in Blackpool vor 3000 Leuten oder heute vor 50 bis 100 Leuten, sie geben immer alles was sie zu bieten haben !
Das Tempo geht direkt von 0 auf 100 und die Energie überträgt sich sofort auf mich. Sie mögen nicht die komplexesten Texte haben und Leute wie meine Mutter sagen auch gerne „die schreien ja nur“. Aber in meinen Augen absolut scheißegal, denn Sie haben eine unschlagbare Power, beherrschen ihre Instrumente fantastisch , haben ein riesiges Herz und ich nehme ihn jedes Wort ab ! Zudem sind sie super aufeinander eingespielt.
Sängerin Alison meint zwar schon früh im Set „my Voice is a bit fucked today, so if you know the Words please sing along“, davon höre ich allerdings wenig. Trotzdem lass ich mich als passionierter Maid of Ace-Groupie natürlich nicht lange bitten und singe mit, so laut ich kann. Für eine Moshpit sind es leider zu wenig Leute, aber wir tanzen uns trotzdem ordentlich einen ab!
Neben den bekannten Songs von den drei bisher erschienene Alben Maid of Ace, Maid in England und Live Fast Or Die gibt es auch die beiden kürzlich erschienen Singles These R the days und Subliminal zu hören. Digital fand ich sie schon ganz gut, live funktionieren sie – wie eigentlich alle Songs der Band – absolut genial !
Bei Nummern wie Repent kann man immer wieder wunderbar seine aufgestaute Wut rauslassen. Ebenfalls einer meiner Favoriten ist Monster, ein Song über ein menschliches Monster, einen Killer wie er im Buche steht. Ansonsten geht es bei Maid of Ace für mich meistens weniger darum was gesungen wird , sondern wie Alison und ihre Schwestern den Inhalt rüberbringen. Teilweise gesanglich auch mal unterstützt von Anna erzeugt die Band eine Stimmung, die man nur mit Eskalation betiteln kann!
Am Ende dürfen natürlich die beiden Überhits nicht fehlen. Zuerst Nostalgia mit den für mich schon ikonischen Zeilen:
Walking to the beat
Ripping through the streets
This dirty town is all I need
So einfach und doch so treffend.

Made in England macht dann den krönenden Abschluss. Für mich, mit meinen englischen Wurzeln, immer wieder ein Fest. In diesen beiden Songs ist alles drin, was ich an dieser Band so liebe. Ich war zwar noch nie in Hastings, aber man merkt einfach wie sehr sie ihre schäbige Heimat lieben ohne dabei unangenehm patriotisch zu klingen. Zudem einfach die Lebenseinstellung: „Wir haben unsere Leute, wir gehen gerne feiern, genießen das Leben und wir reißen mit unserer Band die Bühnen der Welt ab. Mehr brauchen wir nicht um glücklich zu sein. Wir brauchen nichts von dem, was andere als Luxus bezeichnen“.


Nach der Show nehmen sich die Girls dann Zeit für uns, natürlich auch, um noch etwas Merchandise zu verkaufen. Ich hole mir eine neue Mütze und ein Shirt bei Drummerin Abby. Das Shirt hat auf der Rückseite die Zeile aus dem Song Lets go „We are those Cunts“. Das musste ich einfach haben, da mache ich meiner Chefin bei der Arbeit sicherlich eine Freude, wenn ich das dem Büro präsentiere. Man hat ja schließlich einen hervorragenden Ruf in schlechten Kreisen zu verteidigen. Naja, wahrscheinlich werden die Kolleginnen, wie bei so viele anderen meiner Bandshirts, einfach nur beschämt zu Boden gucken. Auf jeden Fall rede ich mit der Drummerin noch kurz über das Rebellion Festival in Blackpool und verspreche zur nächsten Show dort (im August) auf jeden Fall am Start zu sein. Letztes Jahr war mir der Gig beim Festival zu spät, doch dieses mal gibt es keine Ausreden – versprochen ist versprochen. Trotzdem war es super schön, die Band heute mal im ganz kleinen Rahmen zu sehen und im August gibt es dann die XXL-Moshpit-Version vom Konzert und ich freu mich drauf !
Anschließend trinken wir vor der Tür noch ein-zwei Bier. In Sichtweite steht ein kleiner Bus mit englischen Kennzeichen und schnell wird uns klar, der gehört zur Band. So steigen die Schwestern dann auch zeitnah nach dem Konzert in den Bus und Sängerin Alison lenkt das Gefährt dann auch höchstselbst vom Hof, nicht ohne uns nochmal nett zuzuwinken 🙂



Zuhause wird der restliche Biervorrat geleert und wir schaffen es tatsächlich noch um 3 Uhr Nachts, das erste Spiel Schottlands bei einer WM seit 1998, zu schauen. Allerdings ohne Ton, dafür mit guter Musik als Begleitung. Irgendwann gegen Ende des Spiels schlafe ich einfach im sitzen auf dem Sofa ein. Das ist halt dieses Dilemma, wenn man den Tag nicht gehen lassen möchte. Der Morgen ist dann verständlicherweise etwas gedämpft, aber wir schaffen es ohne Kotzerei ohne ähnliche Eskapaden zurück nach Hamburg und zuhause habe ich dann direkt diesen Artikel geschrieben.
Final bleibt mir nur noch zu sagen, wer auch nur im entferntesten auf britischen Punk Rock in die Fresse, in der Tradition von The Exploited steht, sollte diese Power-Frauen unbedingt auschecken. Am besten bei einem Live-Gig, denn dort haben Maid of Ace definitiv ihre Heimat gefunden.


